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Russisches Gefangenenlager für Jugendliche

Sechs Uhr morgens, Wecken im Schlafsaal Nummer vier. Der fünfzehnjährige Anatoli ist wieder einmal spät dran und schmuggelt sich schnell an seinen Platz. Nur keine Fehler machen: Wer zumindest einmal pro Woche nicht nur kaltes Wasser will, sondern eine richtige Dusche, der darf nicht auffallen. Für die 324 jugendlichen Insassen gilt militärische Disziplin. Morgenappell bald auch Routine für den fünfzehnjährigen Anatoli, der erst seit zwei Wochen hier ist. Trotz Uniform und Gleichschritt gilt eine strenge Hierarchie unter den Jugendlichen.

”Ja, dieses Kasten-System der Häftlinge ist in Jugendstraflagern wie unserem zwar weniger hart als bei den Erwachsenen,” meint Aufseher Arthom Grischenko. “Aber: Wir haben diese Probleme auch hier. Die begehrten Jobs in der Lager-Ziegelei bekommen die älteren. Knochenarbeit, die Muskeln und Privilegien und Macht über die Jüngeren bringt. ”Ja, die älteren schlagen mich.” meint Anatoli, der zwei ein halb Jahre für den Diebstahl eines Automotors bekam. “Klar, wenn ich einen Fehler mache passiert das schnell. Und ständig bedrohen die älteren mich und schreien mich an.”
Von einer Arbeitsstelle kann Anatoli als Neuling bisher nur träumen er muss mit den anderen Jüngeren das Gras in den Grünanlagen des Lagers kurz halten. Eine demütigende Beschäftigungstherapie, um die Jugendlichen müde zu machen. Wer schlafen will, der will nicht flüchten. ”Ich weiß einfach nicht, was in Zukunft aus mir werden wird.” meint Jewgeni. “Hier habe ich ein Handwerk gelernt.
Aber draußen gibt es keine Arbeit: Da weiß keiner von uns, was ihn erwartet. Dabei würde ich draußen wirklich gerne arbeiten.” erzählt Häftling Jewgenij Kondatriew. Gelegenheitsdiebstähle, Drogenhandel viele der Kinder und Jugendlichen Hier sind schlicht Opfer einer verwahrlosten russischen Gesellschaft. “Ja,“ meint sogar Arthom, der Aufseher, “es kommen immer wieder Kinder zu uns, die wegen irgendwelcher BagatellDelikte verurteilt wurden. Kinder, die nach meiner überzeugung eine weniger harte Strafe verdient hätten: keine Freiheitsstrafe, sondern Sozialarbeit zum Beispiel, oder Bewährungsstrafen.” Und das ist schlimm, denn in diesem jungen Alter prägen die Straflager sie doch für das ganze weitere Leben. Neunzig Minuten Freizeit pro Tag fernsehen, lesen, entspannen, nachdenken. Die meisten hier sind Tausende Kilometer von ihren Familien entfernt, Besuch bekommt fast niemand. Und bei der Mehrzahl von ihnen waren Drogen die Ursache ihrer Knast-Karrieren.

”Mein Cousin hat mir erzählt, daß meine Mutter alles verkauft hat um an Drogen zu kommen.” sagt Anatoli. “Sogar ihren Pelzmantel hat sie verkauft, meine Hemden, meine Lederweste, alles.” Zwei von Anatolis Mithäftlingen haben eine seltene Ausnahme - Erlaubnis bekommen: Sie dürfen ihre Mütter besuchen, die in einem Frauen - Lager nicht weit von Mariinsk einsitzen. Die beiden Mütter sehen ihre Söhne zum ersten Mal seit zwei Jahren wieder. “Alles o.k.” murmelt Sergei. Vor der Fernsehkamera wollen die Minderjährigen keine Gefühle zeigen wer weich ist, das haben sie im Lager längst gelernt, der wird verachtet und unterdrückt.

Reden dürfen Mütter und Söhne dann nur im Besuchsraum, mit einer Scheibe dazwischen. Auch Wadim, der achtzehnjährige, hat mit Drogen gehandelt, so wie seine Mutter. Es gibt viel zu erzählen. Auch Sergeis Mutter lies sich für ein paar Hundert Rubel überreden, Rauschgift zu verkaufen und wurde erwischt. Die großen Dealer im Hintergrund dagegen landen fast nie im Lager.

Eine halbe Stunde konnten sie reden. “Jetzt ist mir leichter ums Herz, nachdem ich weiß, dass sie gesund ist.” sagt Wadim. “Ich weiß ja nicht, wie es bei ihnen ist, aber bei uns in den Lagern gibt es Aids, Syphilis, Tuberkulose. Bei uns sterben Häftlinge, nicht einige, sondern viele.” Einmal pro Woche kommt Vater Alexander ins Lager, ein orthodoxer Priester. Seine Messen in der Gefängniskapelle sind gut besucht nicht unbedingt, weil alle hier so gläubig sind, sondern weil die Treffen hier eine Atempause sind von der brutalen Hackordnung im Lager.
Ein Junge dazu: “Wenn Du dem Priester erzählst, was du verbrochen hast und was dir durch den Kopf geht, dann behält er das für sich. Das ist nicht wie bei den anderen hier, die sich dann über dich und deine Probleme lustig machen.” Ein anderer Junge bestätigt:” Bevor Du zur Messe kommst bist Du meist voller Hass auf jeden Menschen hier, das geht allen so. Aber hier re- den wir dann und die Spannung löst sich das ist besser als in der Baracke zu bleiben.” Jeder vierte männliche Russe hat Hafterfahrung und sie gehören dazu.

Kinder noch, viele von ihnen, verurteilt, um die Illusion eines strengen Rechtsstaates zu wahren. Kinder als Opfer einer zynischen, käuflichen Justiz, die in bester sowjetischer Tradition nur Erfüllungsgehilfe der Mächtigen ist.

Quelle: NDR

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